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Die Lilie

Immer wenn es die Zeit erlaubte und der Tag sehr mühsam für ihn war, ging er zu einem See in der Nähe seines Hauses. Dort setzte er sich dann meist auf eine Bank, wenn er nicht gerade um den See herum spazierte und versuchte so die ganze Anstrengung zu vergessen, die ihn den Tag über beschäftigte. Manchmal nickte er auf einer Bank am See ein, manchmal dachte er nach oder manchmal beobachtete er einfach nur die Szenerie.

Als er mal wieder an seinem See war und sich auf eine Bank setzte, entdeckte er auf einmal eine wunderschöne Blume, die ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Sie stand einzeln, nahe an einem saftig-grün bemoosten Baum in der Nähe des Wassers. Da sie etwas sonderbar aussah, es war nun mal keine „Standardblume“ wie man sie sonst oft in der Natur sieht, stand er von seiner Bank auf und kniete sich vor die Blume, um sie genauer zu begutachten. Die Sonne an diesem Tag ging gerade bereits unter und so war die schöne weiße Blume in einen leichten Orangeton getaucht. Er kannte solche Blumen - man sah genau die selben oft in irgendwelchen Blumengeschäften, nur der Name wollte ihm nicht sofort einfallen. Er überlegte und überlegte und schließlich fiel ihm der Name ein: Es war eine Lilie. „Was macht denn eine Lilie hier?“, fragte er sich, begutachtete sie noch ein wenig und verließ dann die Blume und den See in Richtung Zuhause. Es gab für ihn auf unerklärliche Weise ein ungewöhnliches Bild ab. Wäre es „nur“ eine rote Rose gewesen, wäre das zwar sicher auch ungewöhnlich gewesen, doch wäre er deshalb bestimmt nicht von seiner Bank aufgestanden und hätte sich erst recht nicht auf die schmutzige Erde gekniet.

Er hatte, wenn er zum See ging, nie wirklich ein Ziel, außer, dass er sich entspannen wollte. Da die Blume aber irgendwie die für ihn inzwischen gewöhnliche Szenerie am See zu etwas besonderem machte, wollte er jetzt öfter nach ihr sehen.

Als er bei nächster Gelegenheit wieder an „seinen“ See kam, ging er sofort wieder zu der Bank in deren Nähe die Blume beim letzten Mal zu finden war. Es war dieses mal noch etwas früher am Nachmittag wie beim letzten Besuch und die Sonne schien besonders warm und hell an diesem Frühlingstag.

„Seine“ Blume hatte ihr Blüte durch die Sonne weit geöffnet. Sie erinnerte ihn irgendwie an Freude, Wärme, oder einfach nur an ein schönes Lächeln. Dieser Gedanke erfüllte ihn sogar ein wenig mit der gleichen angenehmen Wärme und nun freute er sich sogar selbst darüber. Es mochte sein, dass andere Blumen wesentlich schöner waren als diese, aber vermutlich fände er jene ausgesprochen langweilig, wenn sie ebenfalls neben „seiner“ Lilie aufgestellt wären. Verglichen mit den Dingen, mit denen er sich Tag für Tag quälte, war der See durch die Blume zu einem noch viel erholsameren und schönerem Erlebnis geworden. Jedes Mal erneut an diesem Anblick erfreut, besuchte er diese Stelle noch oft über das Jahr. Schon längst hatte er sich überlegt, er könne ja eines Tages mit einem Blumentopf an den See kommen und die Pflanze für sein Zuhause ausgraben und mitnehmen. Allerdings würde das die schöne Szenerie zerstören. Auch hatte er ein klein wenig Angst, er könnte die Pflanze bei diesem Versuch zerstören: So wartete er in dieser Hinsicht lieber weiterhin ab - beobachtete und genoss stattdessen lieber wie immer den Anblick der schönen, weißen Lilie am See.

Als er eines Tages - es war inzwischen Sommer - wieder kam, war die Blume plötzlich verschwunden. Es war zwar nur eine Blume, aber irgendwie fehlte für ihn jetzt etwas. Denn die Lilie machte den See zumindest an diesem Ort zweifelsohne zu etwas besonderem, zu einem Punkt, zu dem er inzwischen immer gerne ging. Da er es nicht sicher glauben konnte, stand er dieses Mal wie am Anfang als er die Blume fand, von der Bank auf und ging in Richtung des bemoosten Baumes, um sie zu suchen. Wenn auch bereits klar war, dass sie nicht mehr an diesem Ort stand. Als er den Boden, an dem sie eigentlich stehen musste genauer begutachtete, sah er aufgewühlte Erde unter fast schon chirurgisch platzierten „neuen“ Blättern die jetzt an ihrer Stelle waren. Er entfernte die Blätter auf der vermeintlich aufgewühlten Erde und war sich nun sicher: Irgendjemand hatte seine Gedanken und Vorstellungen in die Tat umgesetzt und die Lilie ausgegraben. Vermutlich, um sie mit nach Hause zu nehmen oder für andere Zwecke zu missbrauchen. Als er diesen Anblick vor sich hatte, kam er sich leicht von sich selbst hintergangen vor: Eigentlich war es eine Schande, die Lilie nicht schon am ersten Tag auszugraben und mitzunehmen; und derjenige, der es tat, machte sich mit den Blättern, die er vermutlich als Tarnung platzierte, noch über ihn lustig.

 

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