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Blick durchs Fenster

Wenn man durch das Fenster sah, sah er eine glückliche Familie. Er stand draußen, es war unglaublich kalt und tiefster Winter. Wiedereinmal ging er Nachts durch die Straßen und kam an diesem Fenster vorbei. Innen war es immer beleuchtet und die Familie die er saß, war oft bester Laune, unterhielt sich, oder spielten Spiele miteinander. Eine Weile schaute er diesem Treiben zu, einem Mann, der wohl der Gatte der Frau und der Vater der 2 kleinen Kinder war, wie er wild gestikulierend offensichtlich etwas lustiges erzählte und alle darin darüber lachten. Immer wenn er das sah, konnte er selber auch schmunzeln. Doch die Nacht war kalt, er ging ein Stück weiter die Straße entlang. Auf der rechten Seite der ruhigen Straße im Reihenhausgebiet war ein Friedhof und auf der linken die Häuser, von denen er Nachts eben jenes seit langem besonders beobachtete. Er wusste nicht wieso er immer ein so großes Verlangen hatte, bei jedem seiner Spaziergänge, in dieses Fenster zu sehen und die Menschen darin zu beobachten. Die Kälte, die Nacht und die vereiste Straße hatte ihn bisher nicht davon abhalten können, jeden Abend wieder die Route zu jenem Haus einzuschlagen. Fast wie seine eigene Familie kamen ihm die Menschen darin vor, so bekannt waren sie ihm mittlerweile, vom sehen zumindest. Er fragte sich, wie die Familie wohl darauf reagieren würde, wenn er einfach mal die Türglocke läutete und unter einem Vorwand um Einlass bittet. Diese Gedanken gingen ihm in jener Nacht durch den Kopf, als er mal wieder vom Fenster abließ und in die Dunkelheit, in Richtung Wald spazierte.

An einem weiteren Abend war es besonders kalt, die Straße war fest gefroren und der Schnee peitschte ihm entgegen. Es fiel ihm schwer seinen üblichen weg gemütlich entlang zu gehen. Viel zu sehr war er damit beschäftigt mit der Hand sein Gesicht vor dem Schnee zu schützen, fast wäre er auf seinem üblichen Weg in den Friedhof abgebogen um dort, weil es die erst beste Möglichkeit war, als er in die Straße einbog, unter dem Vordach der Begräbniskapelle Schutz zu suchen. Doch er ging weiter, er wollte mal wieder nachsehen, was „seine“ Familie an diesem Abend macht. Vermutlich würden sie wie immer fröhlich beieinander sitzen, Spiele spielen und sich ihres Lebens erfreuen während sie nichts von dem klirrend kalten Winter auf der Straße mitbekamen. Was trieb ihn dazu bei Wind und Wetter trotzdem immer und immer wieder zu kommen? Er wusste es selbst nicht genau. Genauso wenig wusste er, wieso er immer nur Nachts seinen Spaziergang an diesem Haus vorbei machte. Wenn er versuchte nachzudenken wieso, wollte sein Kopf die Gedanken nicht richtig verarbeiten. Er konnte sich nur die Nacht, den Winter und die Eiseskälte vorstellen und nicht die Sonne, die Wärme und den Frühling oder Sommer. Von der Straßenseite des Friedhofs aus überquerte er die Straße, fast wäre er im Schneetreiben durch die schlechte Sicht von einem Auto überfahren worden, dessen Fahrer ihn wohl nicht einmal sah, doch schon stand er wieder fast an „seinem“ Haus. Als er das Fenster erreichte, spielte sich das gewohnte Bild ab. Den Menschen, den er dort drin als Vater bezeichnete, machte wie immer seine Witze, die Kinder und seine Frau, so legte er die Rollen für sich zumindest fest, lachten oder erzählten selber. In dieser Nacht beobachtete er aber nicht mehr nur die Familie, vielleicht hatte er sich ja satt gesehen. Die Familie saß in einem gut eingerichteten Esszimmer. In der Mitte des wärmeausstrahlenden Raums war der Tisch und um ihn rum fünf Stühle, mit den vier Menschen um den Tisch herum. Sein Blick fiel auf den fünften Stuhl. Er konnte nicht von ihm ablassen. Er malte sich aus, wer wohl sonst auf diesem fünften Stuhl sitzt, oder ob dort überhaupt jemand sitzt.

Sein Glück war bisher, dass die Familie ihn nie bemerkte, vielleicht war es ihnen auch egal, jedenfalls konnte er immer weiter gucken. Doch die Familie war ihm egal, immer noch war sein blick auf jenem fünften Stuhl. Plötzlich lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hoch, der ihm die Luft zum Atmen Abschnitt. Angst überkam ihn, furchtbare Angst - als würde er bald sterben. Kurz schoss ihm noch einmal der Anblick des Wagens der ihn in dieser Nacht fast überfuhr durch den Kopf. Die Nervosität in ihm gipfelte als er mit den Füßen im Schnee herumscharrte und er auszurutschen drohte. Vergeblich versuchte er sich am Fensterrahmen festzuhalten, doch er stürzte gegen die Scheibe. Nicht so stark, dass sie hätte kaputt gehen können, doch so stark dass man ein deutliches Wummern im Raum gehört haben müsste. Nichts tat sich. Es war still um ihn, er hing immer noch an der Scheibe, die Familie kümmerte sich nicht darum. Hörten sie ihn überhaupt? Hörten sie das Geräusch an der Scheibe? Sein Atem wurde langsam flacher, was war mit ihm geschehen ? Es war ein einfacher Stuhl der ihm den Schreck seines Lebens einjagte. Er ließ von der Fensterscheibe ab und wollte etwas probieren. Er ging zur wenige Meter entfernten Haustür und suchte die Klingel. Schnell hatte er sie gefunden. Doch er drückte sie nicht, er ging, nachdem er sich nur wenige Sekunden von „seinem“ Fenster abgewendet hatte wieder zurück und sah wieder durch die Scheibe. Drinnen war es jetzt leer. Vier Stühle waren zu sehen, der fünfte war verschwunden. In einem Gefühl sich selber, oder irgend jemanden etwas beweisen zu wollen, ging er an die Haustür zurück, drückte die Klingel und wartete. Er drückte sie nach einigen Sekunden noch einmal, doch nichts tat sich, es war kein Geräusch im Haus zu hören. Kurz ging er nochmal ans Fenster und sah hindurch. Die Frau der Familie, oder Mutter, diese Rolle wies er ihr zu, war im Zimmer, rückte die Stühle an den Tisch, drehte sich um, machte das Licht im hell beleuchteten Zimmer aus und verließ den Raum. Er hastete noch einmal zur Haustür um zu klingeln, denn es waren ja Leute in diesem Haus anwesend. Ihm kamen einfach die Tränen. Er konnte es nicht einordnen wieso. Er drückte die Klingel und sah sich auf einmal wieder wie immer in der Dunkelheit am nächsten Abend durch die Straßen gehen.

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Verlust

Liebling, wie geht es dir?

Mit leiser Stimme flüsternd ruf ich dich.

Dich von dort zu holen wo du jetzt gefangen bist.

 

Mein Liebling, oh du fehlst mir so!

Wie kann ich dich bloß retten?

An dir, bei dir stehe ich.

Und frag den Herrn warum du nur gestorben bist.

1 Kommentar 17.4.08 23:00, kommentieren